Wer hat an der Uhr gedreht

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...ist es wirklich schon so spät?
Ich finde, dass das Pink Panther-Titellied ein zentrales Element von Tzolk'in wunderbar auf den Punkt bringt. Nein, im mittelamerikanischen Dschungel werden nach Maisernte und Menschenopfer keine Trickfilme gezeigt. Aber der Punkt mit der vorbeirasenden Zeit, der ist im Spiel allgegenwärtiger als rosa Panther in Mesoamerika. Und wenn man sich den Spielplan einmal genauer anschaut, dann weiß man auch warum.
Bei Tzolk'in befinden wir uns in der Blütezeit der Mayakultur. Aus der Vogelperspektive erblicken wir das Reich mit seinen Städten, Tempelanlagen, Wäldern und Feldern. Und mitten in dieses Gebiet haben die Macher der Czech Games Edition den großen Maya-Kalender geknallt. Gut drehbar, schön verzahnt und aus feinstem Kunststoff nimmt er einen großen Teil der Fläche ein.
Der Maya-Kalender besteht aus insgesamt sechs Zahnrädern. Um das zentrales Element sind fünf kleinere Räder im Kreis angeordnet. Diese symbolisieren die Städte Chichen Itza, Palenque, Yaxchilan, Tikal und Uxmal. Dank Spezialisierung und Monokultur hat jede Stadt ihr eigenes Warenangebot. In Palenque bekomme ich Holz und Mais, in Chichen Itza kann ich meine Gottheiten bei Laune halten und in Tikal ist Fortschritt angesagt. Dort verbessere ich meine Erträge im Ackerbau oder ich verfeinere meine Fähgikeiten bei der Rohstoffgewinnung. Als Maya-Oberpriester schicke ich meine Arbeiter aus, um in den Städten die verschiedenen Aktionen - Waren einholen oder Götter bespaßen - auszuführen. Wenn ich an der Reihe bin, stelle ich also meine Jungs (maximal sechs Stück pro Spieler) in die niedrigste freie Einkerbung der gewünschten Zahnräder. Wieviel Arbeiter ich in einem Zug einsetze, ist mir überlassen. Wieviel Jungs ich in einem anderen Zug zurückbeordere und damit die jeweilige Aktion auslöse, ist auch meine Sache. Nur Einstellen und Zurückpfeifen innerhalb eines Zugs, das geht nicht. Da ist der Maya an sich sehr streng.

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Beim Einsetzten in die Zahnrad-Städte gilt: Das erste Feld im Uhrzeigersinn ist immer kostenfrei. Wenn das besetzt sein sollte, darf ich einfach beim nächsten freien Feld einsteigen. Vordrängeln kostet allerdings Bares. Und Bares bedeutet in dieser Epoche Mais. Denn Gold gibt es ohnehin wie Sand am Meer und der mexikanische Peso wird erst in einigen Jahrhunderten eingeführt.
Haben alle Spieler Ihre Aktionen durchgeführt, drehen wir das zentrale Rad um einen Zahn weiter. Es wird Tag. Es wird Nacht. Es geht weiter.
Durch Drehen des großen Kalender-Rades werden auch die verzahnten anderen Elemente weiterbewegt. Alle Arbeiter auf den fünf Zahnrad-Städten drehen sich ein Stück in Richtung Uhrzeigersinn und rücken damit ein Feld vor. Denn neben den Rädern sind auf dem Spielplan Felder der jeweiligen Aktionen abgebildet. Darf ich etwa in einem Zug nur drei Holz oder sieben Mais abgreifen, erhalte ich dank fortschreitendem Kalender im kommenden Zug schon vier Holz oder sieben Mais.

Welch wunderbarer Mechanismus! Fordert er doch das süße Nichtstun. Denn je länger ich abwarte, desto wertvoller scheinen die Erträge zu werden. Doch Vorsicht, das stimmt nicht das ganz. Wenn ich nicht aufpasse, bin ich am ersehnten Holz vorbeigezischt.
Um mein Spiel am Laufen zu halten, muss ich in Tzolk'in gut vorausplanen. Wann setze ich wo ein? Wann nutze ich welche Aktionen? Und vor allem: Sind die Aktionen aufeinander abgestimmt? Bevor ich etwa großspurig durch Chichen Itza sprinte, sollte ich kurz überlegen, wann denn die neue Lieferung an Kristallschädeln aus Yaxchilan kommt (die dann einige Jahrhunderte später im überflüssigen Indy IV als Aliens enttarnt wurden). Oder kommt die gar nicht, weil der Arbeiter mir eigentlich Gold oder Stein mitbringen soll?

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Tzolk'in ist ein klassisches Arbeiter-Einsetzspielspiel im exotischen Gewand. Wir lenken die Geschicke unserer Maya-Stämme, schicken unsere Jungs los, um im Urwald Kristallschädel, Stein oder Mais zu besorgen und entwickeln unsere Fähigkeiten. Einsetzen von Arbeitern an der einen Stelle, um später Goodies an einer Stelle zu erhalten, verzahnen meine Handlungen geschickt miteinander. Das fordert ein gewissen Maß an Planung. All diese Spielelemente sind nicht unbedingt neu, werden aber erzählerisch plausibel im Maya-Thema verpackt.
Das wirklich hervorstechende und sehr gelungene Element des Spiels ist zweifelsohne der Kalender-Mechanismus. Selten habe ich die Verzahnung einzelner Aktionen so schlicht und geschickt erlebt, wie in Tzolk'in. Wobei Verzahnung hier wörtlich zu nehmen ist. Die Tatsache, dass er auch narrativ-historisch bestens erklärt und herausgearbeitet wird, macht Tzolk'in zu einem wirklich schönen Spiel. Anfangs erscheinen die Zugmöglichkeiten vielleicht etwas unübersichtlich. Da kann es schon mal vorkommen, dass beim großen Schlemmen nach dem ersten Quartal zu wenig Mais auf dem Teller landet. Oder man ist gezwungen, den gerade eingesetzten Arbeiter im nächsten Zug und mit kleiner Maisernte sofort wieder vom Feld zu holen. Das kostet oft wertvolle Züge. Wenn man jedoch die verschiedenen Strategien und Optionen erst einmal verinnerlicht, schafft man es dank guter Planung auch meist, das eigene Spiel am Laufen zu halten.

Noch nie war der Faktor Zeit in einem Spiel derart griffig umgesetzt. Ich könnte mir auch gut vorstellen, so etwas im Rahmen der Weinproduktion zu spielen. Beim Winzer reift alles langsam vor sich hin, wird aber nicht rechtzeitig ausgeliefert, haben wir Essig. Liebe Spieleautoren, greift das doch mal auf.
Mir hat das Spiel aus verschiedenen Gründen außerordentlich gut gefallen: Erstens ist Tzolk'in ein planbares und klassisches Eurogame ohne Glückselemente (Der Doc steht da nicht so drauf). Zweitens und Drittens wurde dem Spiel ein cleverer Mechanismus verpasst, der zudem auch noch wunderbar mit einem ebenso ansprechenden Thema ...ähm... verzahnt ist. Ein Spiel, das mir das Herz herausgerissen hat. Herrlich!

Doc "Xolotl" Abstracto
Für Tric Trac
Tzolk'in ist ein Spiel von Daniele Tascini und Simone Luciani
Erschienen bei Czech Games Edition und dem Heidelberger Spieleverlag
Für 2 -4 Mayapriester ab 13 Jahren
Preis: Rund 40€



Commentaires (8)

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