Der Vorhang fällt

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Also gut Freunde, das war es dann. Tschüssi.

Nein, so geht das nicht. Als guter Freund verabschiedet man sich nicht so einfach mit einem salopp dahingerotzten Satz. Man sinniert, ruft gemeinsame Erinnerungen wach und dankt. Machen wir es doch genau so.

 

Heute Nacht, so etwa gegen 1:30 Uhr wurde ich durch fernes Tatütata geweckt. Das wurde immer lauter. Ich stand auf und schloß das Fenster, um in Ruhe weiterschlafen zu können. Außerdem war es viel zu kalt. Die Sirenen hallten aber dann doch ziemlich nah, also watschelte ich im Halbschlaf ins Wohnzimmer, vom Blaulicht hell erleuchtet. Im Haus gegenüber war die Feuerwehr zugange, rollte Schläuche aus und tröstete eine schluchzende Oma. Das weckte Erinnerungen an den Altstadtbrand vor fast genau sechs Jahren vier Häuser weiter. Keine Banalität in einer engen Stadt, wo die mittelalterliche Bausubstanz wie Zunder brennt. "Um Himmels Willen," dachte ich, "jetzt nicht auch noch sowas. Ich muss mich doch morgen verabschieden." 

Zum Glück war nicht viel passiert und ich kann mich von euch verabschieden. Die Geschichte zeigt aber vielleicht, wie wichtig es mir ist, hier einen anständigen Abgang zu machen. 

 

Sechs Jahre an einer Webseite zu feilen, täglich News zu suchen, aufzubereiten und einzuordnen, das hinterlässt Spuren. Stellt euch vor, ihr steht wochentags vor einem Wald und ruft da immer mal was rein. Ihr habt keine Ahnung, ob irgendwer zuhört, manchmal steckt einer den Kopf heraus und antwortet, aber meistens herrscht Funkstille. Das ist ein Problem, mit dem man als Medienschaffender umgehen muss. Das sind Monologe, Sendungen, aber keine Dialoge. Auch wenn im Netz schneller mal ein Kommentar abgesetzt wird als in der Zeitung. Wer berichtet, der geht davon aus, dass er stillschweigend wahrgenommen wird. Umso mehr freut es dann, wenn plötzlich mir völlig unbekannte Gesichter auf Messen ansprechen und sich als regelmäßige Leser outen. Erst kürzlich saß ich beim Netrunner-Spielen in der Gaststätte um die Ecke, als ein Kerl, vermutlich Student Anfang 20, rüberkommt, uns aufs Spiel anspricht und mich unvermittelt anstarrt. "Bist du der Typ, der Tric Trac macht?" fragt er. "Ja," sage ich überrascht. Und auch ein bisschen stolz.

Das ist schon ein tolles Gefühl. Der Metzger hat ne Wurst in der Hand, der Verkäufer einen strahlenden Kunden - wer immer direktes Feedback auf seine Arbeit will, der darf nicht Journalist oder Kritiker werden. Im Gegenteil geben wir ja sogar starkes Feedback an andere, an Redaktionen und Verlage. Wenn also heute die Internet-Landschaft mir zu Ehren ihre Profilbilder in meine Visage ändert, dann berührt mich das auf seine ganz eigene, freakige Art. Deswegen war es für mich auf der SPIEL neulich eine besondere Ehrung, als ihr, ein Schwung Leser, ein spontanes Treffen einberaumt hattet. Und umso wichtiger war mir, den Doc als ehemaligen Weggefährten nochmal dabei zu haben. Denn es wird keins mehr geben. Das war eine Abschiedstour, für die ich alles stehen und liegen gelassen habe.

 

In der Ankündigung dieses Schritts vor zwei Wochen hatte ich ein wenig sinniert. Ihr habt kommentiert, euch bedankt und mit Lob nicht gegeizt. Die Edelfans Raccoon und Elektro haben gereimt und mir ein Elfenland geschickt, weil ich das ja nie gespielt habe. Die Szene hatte nur die allerwärmsten Worte für mich. So möchte ich gehen. Mit einem Lachen im Gesicht und dem guten Gewissen, irgendwie meinen persönlichen Teil zur Szene beigetragen zu haben, der andere vielleicht motiviert hat, mitzumachen. Oder es besser zu machen. 

Denn nicht alles lief hier so wie geplant. Eine Spieledatenbank bekamen wir, eng verknüpft an die Freunde in Frankreich. Hübsch ist sie geworden, aber kein Schwein benutzt sie. Warum auch, die deutschen Spieler haben ja BGG und wollen auch nicht auf die große Internationalität des US-Giganten zu verzichten. Dann ein Forum. Da lief es genau drei Tage oder auch eine Woche lang heiß her, danach war Funkstille. Klar, wir haben die Foren von Spielbox und Unknowns. Warum soll ich mich da anstrengen und mit Gewalt eine weitere Alternative durchprügeln? Werbung: Es boten sich Möglichkeiten für Verleger, hier zu Werben, über ein Interface und alles recht einfach. Ich wollte aber nie Werbung verkaufen, das erachtete ich nie als meinen Job. Meiner Meinung nach sind Anzeigenverkauf und Redaktion eines Mediums am besten in zwei getrennten Etagen untergebracht. Wir haben es auf Tric Trac probiert. Es waren Angebote. Sie wurden nicht genutzt, weil keiner die Notwendigkeit sah. Der starke Fokus lag auf den Nachrichten, den Rezensionen und vermutlich war auch alles eng -zu eng? - an meine Person gebunden. Ich war das Gesicht von Tric Trac. Einen Nachfolger wird es nicht geben. Das Hauptquartier in Orléans überlegt, wie es in Zukunft weitergehen soll, aber ich verstehe, dass die Fußstapfen groß sind, die es zu Füllen gilt. Wenn jemand übernimmt, dann muss alles ganz anders laufen. Tric Trac Deutschland, das war auch ein Experiment. Ein teurer Luxus-Ableger meiner französischen Kollegen, der vor allem Prestige brachte und für frankophone Verlage einen direkten Weg bot, ins Nachbarland herüberzuschallen. 

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Mein Dank gilt an erster Stelle euch Lesern. Jenen treuen Seelen, die meinen Sommerurlaub hassten und meine schrägen Gags mochten. Die Wortspiele in Überschriften erkannten und mit Engagement auch mal gegenargumentierten. Hätte sich kein Schwein dafür interessiert, was am 15. Oktober 2010 mit diesem allerersten Artikel da startet, ich wäre schnell selbst im Tric Trac-Arbeitsamt gelandet. 

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Danke sage ich aber auch Monsieur Phal, dem Chef von Cheffe. Was für ein Typ. Optisch ein Unikat, menschlich ein Segen. Er ließ mir stets freie Hand, war aufgeschlossen gegenüber meinen Wünschen und ermöglichte mir so viel. Dank Tric Trac durfte ich die Szene erst richtig kennenlernen, Messen besuchen und Spiele spielen. Was war das für ein Traumjob. Ein wenig französischen Schreibstil habe ich mir bei ihm abgeschaut, aber so cool konnte ich nie werden. Er wird mir als Freund bleiben.

 

Ohne Tric Trac wäre ich nie in die Jury einberufen worden. Dort geht es für mich weiter, als Geschäftsführer des Vereins Spiel des Jahres ab Anfang Januar. Als Mann mit Verantwortung und Verbindlichkeit. Ganz so lässig wird es nicht mehr zugehen, das ist schließlich dann ein richtiger Job. Ich trete in den Hintergrund und als Juror ab. Habe mehr Kontakte zu Branche als zu den Spielern. Das heißt aber nicht, dass ich ab morgen keinen mehr kenne. Ich weiß, wem ich den weiten Weg zu verdanken habe. 

Manchmal liege ich abends im Bett und frage mich, ob das alles klappt oder mir über den Kopf wächst. Ob es die richtige Entscheidung war. Das gehört dazu, es wäre schlimm, wenn dem nicht so wäre. Die "Comfort Zone" heult auf, weil sie verlassen wird, weil bequeme Konfigurationen geknackt wurden und etwas Neues beginnt. 

Wenn ab jetzt gleich die Tür zufällt, dann hoffe ich, dass ihr alle den Funken Tric Trac-Style im Herzen behalten werdet. Denn er ist ein Teil von mir - ganz persönlich. Möge der New Boardgame Journalism so etwas wie mein Erbe sein. Ich logge mich aus, verschwinde, hinterlasse vielleicht eine Lücke. Mein Wunsch sei, dass in diesen Raum schnell irgendjemand hineinwächst. Es ist eine Chance für andere. 

 

Zugegeben: Es fällt mir schwer loszulassen. Also machen wir es kurz. Es waren wunderbare sechs Jahre. Spielt nur die guten Spiele und passt auf euch auf. 

Euer aller Guido



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